Allgemeines
 
Quadrat 1 Familienberatung, DGfS
Quadrat 2

Werkstattbericht Aufstellungen "die Mütterlichen Ahnenreihe"

Quadrat 3 Leserbrief an die Recklinghäuser Zeitung
zum Thema Zentralabitur
 

Familienstellen mit Kindern und Eltern

Seit die Familienaufstellung sich als hilfreiche therapeutische Methode etabliert und seit Jahren in unterschiedlichen Settings und Berufsfeldern angewandt wird, ist das Aufstellen mit Erwachsenen eine Selbstverständlichkeit geworden. Oft steht die kindliche Seele der bereits erwachsenen Klienten im Mittelpunkt der Arbeit.
Wenn wir auf die kindliche Seele in den Kindern schauen, tauchen bei der Frage nach Aufstellungsmöglichkeiten mit Kindern Unsicherheiten, Fragezeichen oder sogar Ängste auf. Ist es überhaupt möglich, Aufstellungsarbeit im klassischen Rahmen mit Kindern durchzuführen?
Ist es nicht überfordernd oder gar gefährlich für die weitere Entwicklung des betroffenen Kindes?
Wie bringt man Kindern die sogar für Erwachsene schwer verständlichen Zusammenhänge der Familienaufstellung und ihrer Wirkung nahe?
Da es bei belasteten Kindern oft um frühere Verstrickungen der Eltern geht, die in das gegenwärtige System hineinwirken, stellt sich eine weitere Frage:
Schwächt es nicht die elterliche Position und Autorität, wenn das Kind bei einer gemeinsamen Aufstellung mit den Eltern direkt Einblick in die unsicheren Tiefen der eigenen Eltern nimmt? Verstärkt die in der Aufstellung ans Licht kommende Dynamik nicht die schon gefährdete Position des Kindes?
Darüber hinaus stellt sich generell die Frage:
Warum mit Kindern aufstellen? Reicht es nicht, die Eltern aufstellen zu lassen und den Kindern die daraus folgende positive Wirkung zukommen zu lassen? Warum sollte das Kind so direkt beteiligt und/oder selbst aktiv werden?
Seit 1983 bin ich täglich als systemische Familientherapeutin in eigener Praxis mit der Behandlung erziehungsschwieriger, organisch und psychisch kranker und verhaltensauffälliger Kinder beschäftigt. Seit zehn Jahren kenne und schätze ich die Familienaufstellung und führe diese seit sieben Jahren mit Erwachsenen im klassischen Gruppensetting durch. Vereinzelt gab es in den Gruppen auch Aufstellungen mit jugendlichen Teilnehmern in Anwesenheit der Eltern oder eines Elternteils.
Nach vergeblichem Suchen nach einem schon "fertigen" Konzept oder konkreten Erfahrungen mit Kinderaufstellungen entschied ich mich im November 2003, ein Seminar für Kinder und ihre Eltern auszuschreiben, um selber erste Erfahrungen im Feld machen zu können.
Ich spürte beim Werben für das Seminar eine deutliche Zurückhaltung meinerseits, einerseits bedingt durch die allgemein bekannte öffentliche Abwertung und kritische Haltung dem Familienstellen gegenüber, andererseits durch den noch wenig bereiteten Boden des Projektes. Ich konnte nicht mit "guten Erfahrungen" im speziellen Fall werben. Es meldeten sich letztendlich vier Familien zum Seminar an, ich füllte das Seminar mit sechs weiteren Aufstellungsanliegen (Erwachsene) zu einer arbeitsfähigen Gruppe auf. Im Folgenden möchte ich über meine ersten Erfahrungen berichten.

Teilnehmer

Zwei Kinder (5 Jahre und 17 Jahre) kamen in Begleitung beider Elternteile, drei Geschwister (10/11/12 Jahre) in Begleitung ihrer Mutter (Eltern geschieden, zwei Schwestern leben bei der Mutter, Bruder beim Vater) und ein Junge (12 Jahre) in Begleitung seiner allein erziehenden Mutter (kein Kontakt zum Vater).

Problembereiche

Die Symptome/Anliegen waren unterschiedlich: Bulimie, Geschwisterrivalität, aggressives Verhalten im Sinne von anmaßendem Verhalten, Hyperaktivität, Depression, Schlafstörungen und Übergewicht.

Ablauf

Die Anfangsrunde fand in der Gesamtgruppe statt, die Kinder brachten sich inmitten der Erwachsenen offen mit ihren eigenen Anliegen und Lösungsvorstellungen ein. Es folgte eine Einführung in das Familienstellen: dieses Mal in Form einer eigens von mir geschriebenen Geschichte. "Es war einmal ein Kind ... beschreibt die Zusammenhänge im Familiensystem, die Verstrickung des Kindes im gegenwärtigen System und/oder mit Früheren aus den Ursprungsgeschichten der Eltern. Die Geschichte beschreibt weiter den Prozess der Lösung (Loslassen/Abgeben des Übernommenen) und das Einnehmen des Platzes als Kind im gegenwärtigen Familiensystem.
Diese Geschichte wurde von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen sichtbare Bewegungen auslösend und die Arbeit bereits in Gang setzend aufgenommen und verstanden. Nach dieser Einführungsrunde verließ die Kindergruppe die Gesamtgruppe. Die Kinder wurden in einem Extraraum spielerisch betreut, um durch fremde Aufstellungen und Prozesse nicht zusätzlich Belastungen und Irritationen zu erfahren. Jeweils zum Zeitpunkt ihrer eigenen Aufstellung kamen dann das Kind oder die Geschwister in die Großgruppe, um mithilfe der erwachsenen Stellvertreter ihr eigenes Familienanliegen zu bearbeiten.

Die Stellvertreter

Nach intensiver Kontaktphase in der ersten Runde mit den Kindern entschied ich mich, das innere (verstrickte) Bild des symptomträchtigen Kindes von ihm selber aufstellen zu lassen, im Fall der drei Geschwister übernahm die Aufstellung der Älteste, dem dieser Platz in der Geschwisterreihe von der jüngeren Schwester streitig gemacht wird. Jede/r Beteiligte wählte seinen eigenen Stellvertreter, der nicht anwesende Elternteil beziehungsweise neue oder frühere Partner der Eltern wurden von dem anwesenden Elternteil gewählt.

Das innere Bild

Es war erstaunlich und auf eine besondere Weise anrührend, mit welcher Selbstverständlichkeit, Ernsthaftigkeit und Freundlichkeit das einzelne Kind die Auswahl des jeweiligen Stellvertreters vornahm und mit welcher inneren Sicherheit das innere Bild des Kindes in der Aufstellung der beteiligten Personen Gestalt annahm (ganz anders als oft bei erwachsenen Teilnehmern beobachtet werden kann, die weniger Zugang zu ihren inneren Bildern haben und mehr auf einer rational-kognitiven Ebene agieren).

Systemerkennung - Lösungsprozess

In der Phase der Systemerkennung arbeitete ich ausschließlich mit den erwachsenen Stellvertretern, Kinder und Eltern saßen im Außenkreis in beobachtender Position. Hier war eine erstaunliche Ruhe und Konzentration der Kinder zu beobachten, bemerkenswert besonders bei den konzentrationsgestörten, hyperaktiven Kindern. In der Lösungsphase wurden die Kinder und anwesenden Eltern/-teile zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten des Aufstellungsgeschehens eingewechselt und vollzogen die Auflösung ihrer Verstrickung selbst.

Lösungsbild und Entlassungsritual

Im abschließenden Lösungsbild standen Eltern und Kinder selbst an ihren Plätzen. Die neue Konstellation diente den Kindern als Impuls für ein Bild, das jedes Kind nach seiner Aufstellung im Extraraum malte. Nach Beendigung der Aufstellung entließen die Kinder und Eltern jeweils die von ihnen ausgewählten Stellvertreter. Alle Kinder blieben bis zu diesem Punkt ernst und gesammelt bei sich.

Die Einführungsgeschichte

Im Verlauf jeder Kinderaufstellung war die Geschichte "Es war einmal ein Kind ... Bezugspunkt für Verständlichkeit und Orientierung im laufenden Prozess. Im Fall des 5-jährigen Jungen deckte sich die verstrickte und gelöste Position des Kindes in der Geschichte, das stellvertretend für einen Elternteil beziehungsweise Partner seiner Mutter Halt und Trost gibt und sich dadurch in einer angemaßten Position befindet, mit der eigenen Position seiner Mutter gegenüber. Dieser Junge hatte vor seiner Aufstellung ein heftiges Veto gegen die in der Geschichte beschriebene Lösung eingelegt. Im Prozess der eigenen Aufstellung konnte das tiefere Verstehen der systemischen Zusammenhänge und Ordnungen der Liebe in der Familie in ihm ankommen, und er genoss es sichtlich, seinen sicheren Platz bei den Eltern einzunehmen.

Die Betreuung

Nach ihren Aufstellungen verließen die Kinder die Großgruppe wieder und kehrten in ihren Extraraum zurück. Zwischen mir und meiner Tochter (19), die die Kinder in der Zwischenzeit betreute, gab es in den Pausen Raum für Kontakt, sodass ich von dem aktuell laufenden Prozess in der Kindergruppe und vom aktuellen Zustand jedes Kindes in Kenntnis war. So erfuhr ich die direkte Wirkung der Aufstellung eines 12-jährigen Jungen, der vor seiner Aufstellung in die Gruppe nicht zu integrieren war, sich abseits hielt, nicht sprach. Nach seiner Aufstellung änderte sich sein Verhalten, er malte sein Aufstellungsbild und knüpfte (als Junge!) ein Freundschaftsbändchen.

Die Bilder der Kinder

Jedes Kind hatte in der Kindergruppe die Aufgabe, im Angesicht des gerade erfahrenen Lösungsbildes ein Bild zu malen. Diese Bilder brachten die Kinder in die Abschlussrunde am Ende des 2. Tages mit in die Großgruppe, sie wurden für alle sichtbar in die Mitte gelegt, nicht besprochen, nur angeschaut und bewundert. Sie lagen da wie ein großer bunter Schatz, den jeder letztendlich mit nach Hause nehmen konnte. Die Bilder haben mich sehr angerührt und beeindruckt, enthielten sie doch alle in Farbe und/oder Formen das tiefe Verständnis dessen, was vorher in der Aufstellung ans Licht gebracht, ins Licht gekommen war. Als Beispiel sei das Bild des oben beschriebenen schwer depressiven Jungen genannt, der sein Bild in schwarzen und grauen Streifen begonnen hatte, zum oberen Rand des Bildes wurden die Streifen immer heller, über Braun-, Grün- und Blautöne in der Mitte des Bildes ging im oberen Bereich des Bildes "die Sonne in Gestalt von Rot, Orange und Gelbtönen auf".

Abschlussrunde

In der Abschlussrunde war die Gesamtgruppe wieder zusammen. In der Rückmelderunde waren die Kinder genauso aktiv wie die Erwachsenen. Sie gaben ein durchweg positives Feedback und weitere Anregungen für mich auf meinem Weg in mein nächstes Seminar "Familienaufstellung mit Kindern und ihren Eltern".

Zusammenfassung

Was lässt sich nun zusammenfassend zu den oben aufgeworfenen Fragen sagen? Zunächst einmal: Es sind erste einzelne Erfahrungen, die sicher nur vorsichtige Antworten zulassen.
Das Aufstellen mit Kindern im klassischen Sinne ist möglich und hatte in der direkten Wirkung gute Folgen. Alle Kinder wirkten deutlich entlastet und entspannt.
Über längerfristige Wirkungen kann erst durch Nachbefragungen etwa 1 Jahr nach der Aufstellung berichtet werden.
Wichtig ist in Abgrenzung zu den Erwachsenen-Aufstellungen das Fehlen der Stellvertreter-Funktion. Es scheint mir wichtig, dass die Kinder die gesamte Zeit bei ihrem eigenen Prozess bleiben können, das heißt nicht durch Stellvertreterrollen in Fremdes hineingezogen werden. Dieser "Schutz" wurde im Feedback von zwei der anwesenden Kinder in der Abschlussrunde negativ bewertet (dies war für mich ein Ausdruck ihrer alten, verstrickten Position in ihrem System, wo sie stellvertretend für die Mutter der Mutter und den Bruder des Vaters gestanden hatten).
Die Geschichte "Es war einmal ein Kind ..." war ein wichtiger Baustein bei der Arbeit, diente sie doch einer kindgerechten Einführung und damit dem Aufbereiten eines guten Bodens für das Aufstellen. Das kindgerechte Vokabular schien darüber hinaus auch den Erwachsenen gut zu tun. Von meinem Angebot nachzufragen wurde reichlich Gebrauch gemacht. Mein Eindruck war, die Kinder fragten oft auch stellvertretend für andere anwesende Erwachsene, die sich in meinen Gruppen oft in ihrem Nichtverstehen weniger offen und spontan zeigen können und sich eher therapeutengerecht im Sinne der sozialen Erwünschtheit verhalten. Diese Offenheit war ein Geschenk an alle und eine Bereicherung der Gesamtgruppe!
In allen vier Familien hatten die Eltern beziehungsweise Elternteile bereits Aufstellungserfahrung und ihr eigenes Ursprungssystem bearbeitet. Bezogen auf die symptomträchtigen Kinder hatte dies jedoch nicht zu der erwünschten Entlastung der Kinder geführt. Meine Beobachtungen im familientherapeutischen Praxisalltag zeigen öfter, dass symptomträchtige Kinder ihre Belastungen nicht loslassen wollen, auch dann nicht, wenn die Eltern endlich an den zugrunde liegenden Verstrickungen und Konflikten arbeiten. Hier scheint mir die mächtige (angemaßte) Position des Kindes den Eltern gegenüber entscheidend zu sein, auf die das Kind aus unterschiedlichen Motiven nicht verzichten möchte. Die Einführungsgeschichte und der folgende eigene Lösungsprozess machten den Kindern direkt erlebbar, wie ihre Eltern ihr eigenes Schweres gut tragen können und gleichzeitig - manchmal mit den eigenen Eltern oder anderen guten Kräften von Früheren im Rücken - als Elternebene dem Kind Halt und Sicherheit geben können. Eine Schwächung der elterlichen Position konnte in keinem Fall von mir beobachtet werden - eher im Gegenteil! Nach meiner momentanen Einschätzung erscheint es sinnvoll, zunächst die Elternebene zu bearbeiten (ohne Kinder), um dann in einem zweiten Schritt das Kind als aktiv beteiligten (nicht nur betroffenen) Teil des Gesamtsystems in eine Aufstellung einzubinden.
Ich werde in bestimmten zeitlichen Abständen die längerfristigen Wirkungen der Aufstellungen erfragen, um zu erfahren, ob die kurzfristig positiven Wirkungen auch langfristig erhalten bleiben.
Darüber hinaus hat mir das Seminar Mut gemacht, mich mit dem Angebot mehr in die Öffentlichkeit zu bewegen, um weitere Erfahrungen mit dem Projekt machen zu können.

Ursula Schleiner-Tietze
Familienstellen mit Kindern und Eltern in: Praxis der Systemaufstellung,
Heft 1/ 2004, S. 60 - 63.

Den Artikel finden Sie hier.

Artikel als PDF

zugehörige Geschichte: Es war einmal ein Kind

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Artikel für die Zeitschrift Praxis der Systemaufstellung / Werkstattbericht 2008

Seminar für Frauen - die mütterliche Ahninnen - Reihe

Die Reihe der mütterliche Ahninnen - jede/r Aufsteller/in kennt diese, die weibliche Identität und Lebenskraft der Frau stärkende Reihe von Mutter, Großmutter, Ur-Großmutter, Ur-Ur-Großmutter im Aufstellungsprozess.
Immer dann, wenn in einem Lösungsbild zum Ende einer Aufstellung die Aufstellende noch instabil scheint oder Unsicherheiten zeigt bzgl. ihrer neuen Position im System, stellen wir ihr manchmal ihre Ahninnen "stärkend" in den Rücken. Klientinnen sprechen von "weiblicher Power", "sich getragen und von hinten gestützt fühlen", "sich endlich nicht mehr allein als Frau fühlen", "bei den Frauen angekommen sein" u.ä. Oft zeigen sich innerhalb dieser Frauenreihe auch in den vorhergehenden Generationen ähnliche Gefühle der Instabilität: Mutter und Großmutter reichen dann zur Stütze allein nicht aus. In der Arbeit werden dann so viele Frauen hintereinander gestellt, bis das Frauensystem rückmeldet: "jetzt ist es o.k., stabil!"
Die weibliche Identität der aufstellenden Frau findet in dieser Reihe ein Echo, ein "zu Hause" und in vielen Fällen wird diese Reihe von der Frau als Initiation erlebt. Frauen befinden sich oftmals als "Vater - Töchter" in der Unterbrechung zu ihren Müttern lange "im falschen Lager" und sind damit wie abgeschnitten von ihrer weiblichen Lebenskraft. Weibliche Lebenswege als "immerwährende Geliebte", als "ewiger Single", als "harte", "männliche", dem Vater manchmal in einen typisch männlichen Beruf nachfolgende Frau zeigen dieses die weibliche Seele nicht erfüllende Phänomen. Früh verstorbene Mütter, frühe Trennungen z.B. durch Krankenhausaufenthalte als Kind, seelische Tode der Mutter nach eigenen schweren Verlusterlebissen und Schicksalsschlägen versperren darüber hinaus der Tochter dauerhaft die Tür zum "weiblichen Feld".

In vielen von mir geleiteten Aufstellungsarbeiten sah ich die Schwierigkeit, die Hinbewegung der Frau zu ihrer Mutter zu vollziehen. Widerstände unterschiedlichster Couleur waren aus meiner Sicht oftmals nicht als rein persönlicher Widerstand zu interpretieren, unzufriedene Klientinnen blieben oftmals auch nach erneuten Versuchen in ihrer unterbrochenen Bewegung stecken. Projektionen auf mich als weibliche Leitung des Seminars waren oftmals trotz liebevoller Zuwendung auf meiner Seite nicht zu beheben. Die Widerstandsphänomene schienen für mich oft Sinn zu machen in Bezug auf ein Mehrgenerationenphänomen, das sich so leicht nicht auflösen "wollte".
Aus all diesen Erfahrungen und Überlegungen entsprang die Idee, ein spezielles Seminar für Frauen zur mütterlichen Ahninnen - Reihe anzubieten.
Nachdem ich ein Rahmenkonzept für die mütterliche Reihe über 5 Generationen entwickelt hatte, bot ich 2005 erstmals 10 interessierten Frauen, die bereits im klassischen Setting Aufstellungen bei mir oder anderen Aufsteller/innen gemacht hatten, einen experimentellen Workshop zur mütterlichen Ahninnen - Reihe an. Das erste 3 - tägige Wochenend - Seminar war eine für alle sehr bewegende Erfahrung und ein voller Erfolg, weitere folgten (inzwischen gibt es zwei feste Termine pro Jahr).

Ich möchte in diesem Artikel anhand einer Aufstellung von der besonderen Arbeit berichten, in der neben der bekannten Stellvertreterarbeit, Geschichten und Texten im Seminarverlauf besonders kreative Medien wie Malen und Musik zum Einsatz kommen. Eine Teilnehmerin gab mir für diesen Artikel die Erlaubnis, über ihren "Weg" zu ihren Ahninnen zu schreiben.

Ich nenne sie hier im Text B.

Anamnestische Daten zu B.

B. ist zum Zeitpunkt der Aufstellung 59 Jahre alt, 38 Jahre verheiratet und hat eine Tochter (36), diese ist unverheiratet und kinderlos. Die Tochter hat z. Zt. keinen Kontakt zum Vater. B. fühlt sich "immer zwischen allen Stühlen". Sie leidet zudem seit ein Jahren unter labilem Bluthochdruck und chronifizierten Paar-konflikten. Die aktive gemeinsame Bearbeitung der Probleme ist Trauer, Wut, Vermeidung und Resignation gewichen. Sie fühlt sich oft verlassen und allein. "Ich helfe vielen, mir selber hilft niemand". B. arbeitet seit 30 Jahren freiberuflich als Yoga-Lehrerin. Nach dem Schulabschluss war sie zunächst als Hauswirtschafterin und Kindermädchen für 3 Töchter einer begüterten Familie tätig. B. hat noch einen jüngeren Bruder, zu dem kein Kontakt besteht. Hintergrund sind Erbstreitigkeiten und Geschwisterrivalität. B's Vater kam durch einen Autounfall als Beifahrer auf dem Weg zur Arbeit ums Leben, sie war damals 14 Jahre alt. Die Mutter ging eine neue Paarbeziehung ein. B. pflegt und unterstützt seit 35 Jahren ihre schwer gehbehinderte Mutter, die mit einem Hüftschaden geboren wurde. Das Verhältnis ist aggressiv überschattet und hoch ambivalent. Die Mutter hatte mit B's Vater und ihrem späteren Lebensgefährten insgesamt sechs Abtreibungen.

Frühere Aufstellungen und Auflösung von Verstrickungen / Identifizierungen

  1. B. löste in einer Aufstellung die Identifikation mit der MV (fehlte ihm).
  2. Kriegstrauma des Vaters, Tod des BV, V stellvertretender Hoferbe für den gefallenen Bruder - B's Hinbewegung zum Vater (Trauma durch dessen Unfalltod).
  3. Die Hinbewegung zur Mutter wurde in zwei früheren Aufstellungen versucht, die Aufstellungen wurden abgebrochen bzw. von B. nicht lösend genommen, sie weigerte sich anzuerkennen, was ist ("ich bin die Kleine, du die Große!"). Nach einer dieser Aufstellungen entwickelte sich ihr Bluthochdruck.
  4. B's Identifikation mit abgetriebenen Geschwistern konnte ebenfalls nicht aufgelöst werden, B. verweigerte auch hier lösende Schritte.
  5. Eine Aufstellung ihrer Tochter war in ähnlicher Weise nicht lösbar. Widerstände in Form von Trotz, Stolz und tiefer Loyalität der Mutter gegenüber im Leid standen in paralleler Weise einer Lösung im Weg.

Das Seminar / die "Hinbewegung" zur Aufstellung

Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung stellen sich die anwesenden 10 Frauen mit ihren Anliegen vor. B. berichtet von ihrer aktuell belasteten Familiensituation, ihrer Rolle im System (zwischen den Stühlen), ihrem inneren Druck (Blutdruck) und ihrer Hoffnung, "endlich rauszukommen" aus dem Kreislauf. Als Impuls für diese Vorstellungsrunde wählte jede Frau ein kleines Engel - Kärtchen. B's Kärtchen weist den Begriff "Wandlung" auf und zeigt einen Engel, der mit der rechten Körperhälfte im Schatten, mit der linken im Licht steht.

Wandlung

B. ist durch das Kärtchen sehr bewegt und kann sich selber und ihr Anliegen sowohl in dem Begriff als auch in dem Bild wiederfinden. Es folgt eine 45 - minütige Meditation (von mir geschrieben) zum Thema Psyche -Soma - Lebensbaum - die 4 Frauen aus meiner Ahninnenreihe (Mutter, GM, Ur - GM und Ur - Ur - GM). Nach dieser Meditation sind die Frauen sehr gesammelt und eingestimmt auf das Thema. Jede Frau malt in der nachfolgenden ¾ Stunde ein Bild in dem sie das verarbeitet und aufs Papier bringt, was ihr in der Meditation begegnet ist. Die hier entstehenden Bilder sind der Mittelpunkt, das Zentrum der anstehenden Aufstellung, um den die aufstellende Frau ihre Ahninnen versammelt und zu einer Art "Ahninnen - Konferenz" einlädt. Bereits während des Malens sind unterschiedlichste Emotionen bei den Frauen sichtbar und hörbar. Ausgesuchte Musik zum inneren Kind u.ä. unterstützen den laufenden Prozess.

Die Aufstellung

Im ersten Schritt setze ich mich mit B. in die Mitte des Kreises, ich sitze ihr gegenüber, das Bild liegt zwischen uns auf dem Boden, die Frauen rücken im Kreis näher heran. Wir schauen alle gemeinsam auf ihr Bild. B. beschreibt in einem kurzen "Interview" erneut ihr Anliegen, ihre aktuelle Situation, ihr Ziel. Danach wird das Bild zum alleinigen Fokus der Aufmerksamkeit: Sie hat in naiver Malweise einen Apfelbaum gemalt mit roten Äpfeln. Unter dem Baum finden sich ihre Mutter und sie. "Ich halte meiner Mutter eine Predigt!" sagt sie. Hinter der Mutter sieht man drei gesichtlose Wesen, fast wie im Nebel verschwindend, GM, Ur - GM und Ur - Ur - GM. "Ich konnte sie in der Meditation nicht richtig sehen, obwohl ich meine Oma noch gut gekannt habe", kommentiert sie. Das Bild hat keine erkennbare Begrenzung, es gibt weder einen Horizont noch ist die Umgebung des Baumes, der Boden o. ä. erkennbar. Im Baum hängt dem Betrachter ins Auge fallend ein merkwürdiges rotes rundes Gebilde, das aus verschiedenen Schichten (verschiedene Rot - Töne) besteht. Aus dem Inneren dieses Gebildes sickert etwas Rötliches in den Baum. Darauf angesprochen sagt sie, "ich musste das malen, ich weiß nicht, was das ist, vielleicht ein Windspiel?" Die anderen Teilnehmerinnen geben ihre persönlichen Phantasien und Interpretationen zu dem Bild, auch ich schaue mir das Bild aus zwei Perspektiven (aus B's und von oben aus meiner ihr gegenüber sitzend) an. Von meiner Perspektive aus sehe ich einen blutenden Uterus. Als ich das ausspreche, erschrickt B. und sagt: "da hängt die Gebärmutter meiner Mutter in meiner Baumkrone, wie komme ich bloß dazu?" An dieser Stelle beginnt sie zu weinen. Angesprochen auf die Abtreibungen ihrer Mutter erzählt sie, dass sie als 6 - Jährige einen Fötus im Badezimmer in einem Gefäß gefunden hat, die Mutter böse wurde, als sie diese danach fragte. In dem Zusammenhang sprechen wir kurz über die Belastungen ihrer Mutter als Kind, diese lag 1 Jahr im Krankenhaus im Gipsbett (Geburtschaden an der Hüfte), war von ihrer Mutter getrennt. Als B. selber geboren wurde, sorgte ihre GM stellvertretend für ihre Tochter für B., da ihre Mutter arbeiten musste. In den letzten zwei Generationen liegt deutlich eine unterbrochene Hinbewegung zur Mutter vor, die es mit Hilfe der Ahninnen - Reihe zu bearbeiten und aufzulösen gilt.

B. sucht zunächst Stellvertreterinnen für ihre Mutter, Großmutter, Ur - GM und Ur - Ur - GM aus, die jeweils ein kleines Schildchen mit ihrer Rolle in der Reihe erhalten. B. ist selber von Anfang an aktive "Gastgeberin" ihrer Konferenz. Sie wird nicht durch eine andere Frau stellvertreten. Die Stellvertreterposition in Aufstellungen dient häufig im system-erkennenden Abschnitt einer Aufstellung dem Ausschalten von Widerständen. In den Bildern der Teilnehmerinnen ist die Information des Unbewussten "auf dem Papier" in Farbe und / oder Form fixiert und sichtbar. Diese äußere Manifestation unbewusster Inhalte scheint der Überwindung von Leugnung und Verneinung (im Bild gibt es keine Negation) dienlich zu sein.
B. weist ihren Ahninnen den entsprechenden Platz um ihr Bild herum zu. Die Frauen nehmen auf Stühlen Platz. Zuletzt sucht B. sich ihren Platz.

B. hat ihre Mutter, ihre GM und Ur - GM so platziert, dass sie von ihrem Bild nichts sehen können. Abweichend hierzu schaut die Ur - Ur - GM interessiert auf das Bild und ist B. freundlich zugewandt. B. hat sich einen Platz gewählt in Konfrontation zu den "abgewandten " Frauen. Sie wirkt wie eine "Rachegöttin". Das Bild liegt wie eine Trennwand zwischen B. und ihren Ahninnen. In ihren die Ahninnen - Kon-ferenz einleitenden Worten wirkt B. hart und wenig liebevoll. Ich gebe ihr einen Satz: " Liebe Ahninnen, ich brauche eure Hilfe, mir geht es in meiner Familie nicht gut, kann mir jemand von euch helfen!" Diese ausgesprochene Bitte ist neu für B., hat sie bisher doch niemand um Hilfe gebeten. Die freundliche Zugewandtheit der Ur - Ur - GM hilft ihr. Die wie erstarrt wirkende Mutter, GM und Ur - GM reagieren nicht, sie nehmen noch nicht einmal Blickkontakt auf. B. beginnt zu weinen. Die Ur - Ur - GM geht auf B. zu und hält sie fest. Bei den übrigen Ahninnen gibt es zunächst wenig Bewegung, alles scheint wie erstarrt. An diesem Punkt spiele ein Lied von Michael Hoffmann (CD "Lieder aus Asurien", Heilhaus Kassel) mit dem Titel "ich verzeihe mir selbst". Dieses Lied, das sich inhaltlich mit dem Thema SCHULD beschäftigt (Auszug: "es gibt einen Weg, die SCHULD zu lösen: ich verzeihe mir selbst, es gibt einen Weg, die Gnade zu erfahren, ich verzeihe mir selbst") bringt Bewegung in die erstarrte, schweigende Gruppe der Frauen. B. löst sich von der Ur - Ur - GM, beginnt bitterlich zu weinen, geht vor ihrem Bild zu Boden wie in einer Verneigung, die Ur - Ur- GM wendet sich jetzt ihrer erstarrten Tochter, der Ur - GM zu, die sich ebenfalls weinend an ihre Mutter anlehnt. Die GM schaut ebenfalls auf ihre Tochter, diese schaut neben B. auf den Boden. Ich lege mehrere Bodenanker (Filzplatten) auf den Boden, stellvertretend für B's abgetriebene Geschwister. Das Weinen B's nimmt zu, ich bewege sie etwas in sicheren Abstand, sie richtet sich auf und schaut auf ihre Mutter, ich gebe der Mutter langsam nacheinander die Bodenanker = ihre Kinder auf den Schoß. Währenddessen spiele ich ein weiteres Lied von Michael Hoffmann, dieses Mal ein Mantra "der Weg durch die Angst führt zum Licht".

Der immer wiederkehrende Satz wirkt beruhigend auf B. sie schaut auf ihre Mutter, die langsam ihre toten Kinder zu sich nimmt. Als das letzte Kind bei ihr ankommt, schaut sie hoch, und beginnt ebenfalls leise zu weinen. Sie schaut B. das erste Mal an und sagt: "deine Geschwister gehören alle dazu und haben jetzt alle bei mir Platz. Ich sehe dich jetzt, mein Kind!" Während eines weiteren Liedes ("Narayanaya" - Eine Art Wiegen-lied) legt B. ihren Kopf auf den Schoß der Mutter, diese hat eine Hand auf ihren toten Kindern, die andere legt sie B. auf den Kopf. Die Hinbewegung dauert lange. In vielen Tränen fließt endlich die unterbrochene Liebe zur Mutter und von der Mutter zur Tochter. Anschließend wendet sich die Mutter zu ihrer Mutter und sagt ihr: "Ich danke dir, dass du dich an meiner Stelle um meine Tochter gekümmert hast. Sie ist mein Kind, deine Enkelin! Ich nehme jetzt meinen Platz ein. Meine toten Kinder gehören jetzt auch dazu". Die GM beginnt an dieser Stelle ebenfalls zu weinen, sie beruhigt sich erst wieder, als sie drei Bodenanker, stellvertretend für drei tote Kinder (Fehlgeburten und/oder Abtreibungen) in ähnlicher Weise wie ihre Tochter vorher zu sich nimmt und sich ihnen innerlich zuwendet. Erst jetzt kann sich die Mutter an die GM anlehnen. Die Ur - Ur - GM nimmt nun symbolisch ein Herz aus Rosenquarz in die Hand und überreicht dieses B. als eine Art "Schlüssel" zur Lösung mit den Worten: "Die Liebe ist das Wichtigste. Das Herz ist der Sitz der Liebe, sie darf ab heute fließen auch in Dir!"

Im folgenden Lösungsbild sitzen die Frauen in einer Reihe hintereinander auf dem Boden, werden von hinten jeweils von ihren Müttern gehalten und halten vor sich ihre Töchter im Arm. Beim Lied von Michael Hoffmann: "Ohne Liebe keine Heilung" lasse ich auch B's Tochter in die Ahninnen - Reihe mit eintreten. B. hält das Herz, das Geschenk ihrer Ur - Ur - Ahnin in ihrer Hand und ihre Tochter, die sich nach langem Zögern endlich auch anlehnt, in den Armen. Alle Frauen stimmen leise in das Mantra ein. Es ist ein bewegender, fast "heiliger" Moment des Haltens und Gehalten Werdens.

Das Lösungsbild und das "Elfchen"

Am letzen Seminartag malt jede Frau erneut ein Bild und zieht erneut ein Engel - Kärtchen. B. freut sich über den Begriff "Kraft" und den dort abgebildeten Engel, der einen kraftvollen Baum umarmt.

Kraft

Sie malt auf einem neuen Bild ihren Lebensbaum, der mit seinen Wurzeln jetzt im Boden verankert ist. Unter dem Baum sitzen die Frauen in der Reihe hintereinander. Alle haben ein Gesicht. Auch ihre Tochter ist dieses Mal auf dem Bild. Über dem Baum schweben einige bunte Luftballons in den Himmel. Die Sonne scheint. Es ist ein fröhliches Kinderbild. Ein großes Herz ist jetzt in den Baum eingelassen.
Jede Frau hat zu ihrem Lösungsbild ein Gedicht verfasst, ein sogenanntes Elfchen: ein Gedicht aus Überschrift und 4 Zeilen mit insgesamt 11 Worten.
B's Elfchen (besitzt aufgrund des Sinnzusammenhangs 14 Worte) zeigt ihre in der Aufstellung durchlebte und jetzt empfundene Erlösung aus der Verstrickung mit den abgetriebenen Geschwistern:

Kraft
Du wunderschöner Baum
Bewegen, Leichtigkeit, Sein
Darf ich glauben, hoffen, frei sein?
Ja!

Ihr Feedback in der Abschlussrunde des Seminars: "Es war eine ganz besonders intensive Erfahrung im Kreise von Frauen. Ich wünsche jeder Frau diese Wärme und Geborgenheit in ihrer Ahninnen - Reihe!".

Einige abschließende Gedanken

Der Zugang zur Ahninnenreihe im Zustand der inneren Sammlung (Meditation) ermöglicht das Auftauchen von Bildern, in denen unser unbewusstes Wissen enthalten scheint. In verbildlichter Form ist dieses tiefe Wissen weniger empfänglich für Widerstände und Abwehr unseres rationalen "Gedankenapparates". Die Melodien und Texte der Lieder unterschiedlicher Interpreten (in dieser Aufstellung kamen hauptsächlich "Mantren" und "asurische Gesänge" von Michael Hoffmann zum Einsatz) unterstützen in eindrucksvoller Weise den emotionalen Prozess der Frauen. Sie haben sowohl Emotionen verstärkende, damit weiter öffnende, aber auch beruhigende, erdende Wirkung.
Die Auswahl dieser Musikstücke ist jeweils dem ganz individuellen Lösungsweg innerhalb des Prozesses anzupassen und somit ein künstlerisch - intuitiver Aspekt dieser Art von Aufstellungsarbeit. Der Einsatz von Symbolen (Steine, Kissen, Figuren) macht gerade in der Endphase einer Aufstellung das Schlüsselerleben "greifbar" und kann jederzeit in der Erinnerung wieder aufgerufen werden. Ich kann mich am Ende des Seminars B. aus vollem Herzen anschließen und freue mich, Frauen in weiteren Seminaren auf ihrem Weg zu ihren mütterlichen Ahninnen und guten Lösungen zu begleiten. Das Experiment hat sich gelohnt!

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Leserbrief
"Zentralabitur"
Zentralabitur 2008 - kollektive Betroffenheit und fehlende Verantwortung der Urheber

Die Grundidee des Zentralabiturs schien ursprünglich im Grundgesetz verankerte Werte unserer Gesellschaft zu spiegeln: Chancengleichheit, Vergleichbarkeit, Gerechtigkeit. Nachdem sich 2007 in den Ergebnissen des ersten Zentralabitur vorausgehende Katastrophenängste als nichtig erwiesen, gingen Schüler und Lehrer 2008 optimistischer und durch erste Erfahrung gestärkt in die zweite Runde.

Nachdem nun Ende Mai schriftliche und mündliche Prüfungen abgeschlossen sind, gibt es keinerlei Gründe mehr, mit sachlich bewertenden Aussagen "abzuwarten", wie Frau Ministerin Barbara Sommer im laufenden Prozess der Auseinandersetzung mit Lehrern, Schülern und Eltern kreativ zu beraten weiß.

Die anfangs spontan, situativ und individuell geäußerte Kritik von Lehrern, Schülern und Eltern im Hinblick auf deutlich zu hohe Schwierigkeitsgrade der Aufgabenstellung (Mathematik*), zu umfangreiches Material für die Klausur (Biologie, Deutsch*), Fehler in den Aufgabenstellungen (Mathematik*) spiegelt sich nach Feststehen der Noten für Schüler und Lehrer in bitteren Tatsachen: starke Abweichungen von den Vornoten (z. Teil um 2 ganze Noten schlechter!) bedingen einen überdurchschnittlichen Anteil an Nachprüfungen. Nachprüfungen können die Diskrepanz jedoch aufgrund der geringeren Punktewertung nicht mehr ausgleichen. Durchschnittswerte in einzelnen Kursen (z.B. Mathe - Leistungskurs!*) befinden sich im "5" - er Bereich. Im Normalfall werden solche "Schnitte" von verantwortlichen Lehrern korrigiert. Diese Korrektur ist de facto im Rahmen des Zentralabiturs für betroffene Lehrer nicht möglich. Das Zentralabitur besitzt "per definitionem" keine Spielräume, gerade diese subjektiv färbbaren Spielräume in der Leistungsbewertung sollen vermieden werden. Frau Sommer schafft mit ihrem, deutlich der Ablenkung und Verschiebung von Verantwortlichkeit dienenden Rat an ihre beurteilenden Kollegen, "von ihren Spielräumen Gebrauch zu machen"(Zitat), das Zentralabitur in einem wesentlichen Teil wieder ab! Eine paradoxe fast schizoid anmutende Situation, die ein entsprechendes Licht auf die Verursacher dieser Situation wirft!

Das schulpolitische Engagement und die im "Schulalltagsgeschäft" durchaus nicht übliche gemeinsame Plattform von Lehrern (Philologenverbände), Schülern (Boykott-Seiten im Internet mit bis zu 2.500 Schülerstimmen im Fach Mathematik*), und Eltern (Landeselternschaft für Gymnasien), findet bisher keinerlei Akzeptanz. Selbst Gutachten renommierter Wissenschaftler (Mathematik - Professor Peter Koepke, Bonn) bzgl. der fehlerhaften Aufgabenstellungen und persönliche Anhörung Betroffener im Landtag verändern bisher nichts. Die Aussage der Ministerin (Zitat aus Interview in WDR-Mittagsmagazin v. 28.05.08):"Man hört dann hin, wenn junge Menschen sich auf den Weg in den Landtag machen, um es der Ministerin zu sagen.." "..wir sind noch nicht am Ende, es bleibt abzuwarten!") mutet ironisch an und macht ganz deutlich: die Urheber der Problematik - das Schulministerium, an vorderster Stelle Frau Ministerin Barbara Sommer - zeigen schlechteste "Kopfnoten" und scheinbar auch keinen ausreichenden Sachverstand. Sie zeigen sich nicht in der Lage, Fehler zu sehen und einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen und den über Wochen drängenden Bitten der Kollegen nachzukommen, Entlastung durch zentrale ihr obliegende Anweisungen zu erteilen.

Anstelle von verantwortungsbewusstem Handeln zeigt sich ein - auf politischen Ebenen durchaus geübtes - Rückzugs - und Vermeidungsverhalten sowohl auf inhaltlicher als auch auf sozialer Ebene. Würde der Politik an dieser Stelle "zentral" eine Note verabreicht, so käme sie einem deutlichen "DEFIZIT" gleich, was einer "nicht ausreichenden", das Abitur ggf. gefährdenden Leistung entspricht.

Frau Sommer weiß, wie "frau" sich aus der Affäre zieht: ggf. Noteneinspruch! Sprich: Verwaltungsarbeit!

Verwaltungsgerichte werden sich mit den Fehlern von Frau Sommer und ihren Mitarbeitern beschäftigen. Zunächst bleibt das Problem ungelöst mit allen psychischen und sozialen Folgen für die aktuell betroffenen jungen Erwachsenen. Bleibt zu hoffen, dass Frau Sommer mit ihrer vermeidenden Strategie nicht als soziales Modell fungiert und sich Verwaltungsgerichte mit rational denkenden und sozial engagierten Juristen dem Problem stellen.

Frau Sommer, Ihre "frommen" Wünsche (Zitat aus o. g. Interview: " Kein Schüler darf darunter leiden, wenn etwas schiefgelaufen ist !) tun allen weh und machen angesichts Ihres mehrfach gezeigten Problemverhaltens einem mündigen Bürger Angst vor der Ohnmacht einer solchen Politik gegenüber.

Allen Betroffenen - viele in den letzten Wochen auch in meiner Praxis - bleibt zu sagen: hinschauen, sich wehren und konfrontieren. Auf die Haltung kommt es an!

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